Die narzisstische Persönlichkeit: Ein Ur-Schrei nach nicht erhaltener Liebe (Update 2022)
Im heutigen Beitrag wende ich mich einem sehr heiklen Thema zu: der narzisstischen Persönlichkeit.
Du willst schon länger wissen, was genau eine narzisstische Persönlichkeit ausmacht? Wo die feinen jedoch entscheidenden Linien zwischen noch normalen und krankhaft gestörten Narzissmus verlaufen? Der Artikel ist lang, ja. Weil er umfassend alle Aspekte einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung beleuchtet. Nimm die dafür am besten ein paar ruhige Minuten Zeit.
Es lohnt sich, bis zum Ende des Artikels dran zu bleiben. Weil du dann auf oben genannte Fragen eine Antwort erhalten hast. Versprochen. Folgende weitere Fragen werden in dem Artikel erörtert:
Einleitung
Aus meiner Beobachtung heraus scheint Narzissmus geradezu allgegenwärtig zu sein. Ein Phänomen unserer modernen Zeit. Mein Ansatz ist es, Narzissmus von allen Seiten zu beleuchten. Kein einfaches Schwarz-Weiß-Schema, keine vorschnelle Verurteilung einer Seite. Das heißt für mich, die Sichtweise der Opfer einer narzisstischen Persönlichkeit UND die Sichtweise eines Menschen mit narzisstischen Zügen zu ergründen. Beide leiden darunter. Ich möchte die Unterschiede zwischen normalen narzisstischen Zügen, die wir alle haben, und denen einer behandlungsbedürftigen narzisstischen Persönlichkeitsstörung aufzeigen. Wenn ich mich zum Thema Narzissmus in den (sozialen) Medien so umschaue, finde ich fast ausschließlich Berichte von Opfern von Narzissten. Ganze Webseiten oder Facebook-Gruppen widmen sich ausschließlich dem Umgang mit Narzissten. An welchen Merkmalen man sie erkennt oder wie man sich am effektivsten vor ihnen schützen kann.
Verstehe mich richtig: Ich selbst habe einige Artikel dazu geschrieben. Zum Beispiel an welchen Anzeichen du einen Narzissten erkennst oder wie du mit einem narzisstischen Partner in einer Beziehung am besten umgehst.
All die Tipps und Warnhinweise kann ich absolut nachvollziehen! Ein pathologischer Narzisst kann einen das Leben wahrlich zur Hölle machen.
Die Betroffenen – oftmals in langjährigen Beziehungen – leiden noch Jahre später an den Folgen eines narzisstischen Missbrauchs.
Das weiß ich aus vielen Rückmeldungen meiner Leser und hier gibt es rein gar nichts zu relativeren oder zu beschönigen. Jedoch fehlte mir auf diesen Seiten etwas. Die Darstellung war mir meist zu einseitig. Mir fehlte das Verständnis für den Betroffenen selbst. Für einen Menschen, der solch krankhaft narzisstische Züge an den Tag legt. Für die Ursachen, die meist in der Kindheit zu finden sind. Warum verhält sich ein Mensch heute so brutal und rücksichtslos? Ist er so auf die Welt gekommen? Ohne in irgendeine Weise seine tyrannischen Verhaltensweisen in Schutz zu nehmen oder zu verteidigen. Gerade für Opfer eines jahrelangen narzisstischen Missbrauchs wird ein Verständnis nur sehr begrenzt vorhanden sein. Aus absolut nachvollziehbaren Gründen. Aber wie so oft in meiner Arbeit, geht es mir um eine Darstellung aus mehreren Perspektiven. Ein gewisses Maß an „gesundem Narzissmus“ ist vollkommen normal und sogar wichtig, um unsere Grenzen zu wahren oder sich mal durchzusetzen mit einer Sache. Narzissmus betrifft uns also alle in der einen oder anderen Form. Die entscheidende Frage ist hierbei: Wo verlaufen die Grenzen zwischen normalen und krankhaften narzisstischen Zügen? Mir ist bewusst, dass ich mit diesem Artikel dem einen oder anderen Leser etwas auf die Füße treten werde. Falls du aber aus einer einseitigen Sicht auf dieses Phänomen aussteigen willst, lohnt sich der Artikel für dich auf jeden Fall. Ist dies nicht letztlich der beste Weg um über sich selbst oder einem bisherigen Verständnis neu nachzudenken? Also, gehen wir es an.
Wie entsteht eine narzisstische Persönlichkeit?
Fangen wir am besten ganz am Anfang an.
Um die Ursachen unserer Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu verstehen, müssen wir tief in unsere Psyche hinabsteigen.
Oftmals ist es einfach so, dass wir für die Erforschung unserer heutigen Verhaltensweisen als erwachsene Menschen an unserer Kindheit nicht vorbeikommen.
Dies gilt für viele Themen, wie zum Beispiel einer Bindungsangst, und das gilt umso mehr für eine narzisstische Persönlichkeit.
Es ist nun mal so, dass in den ersten Jahren unseres jungen Lebens die wichtigsten Grundpfeiler für unser weiteres Leben angelegt werden.
Allen voran was Bindungsfähigkeit, Selbstwertgefühl und emotionale (Selbst) Regulation angeht.
In gewisser Weise ist das tragisch.
Weil wir zu dieser Zeit komplett auf das Wohlwollen und die Zuwendung von unseren engsten Bezugspersonen (Eltern, Großeltern, etc.) angewiesen sind.
Sprich, unsere ganze weitere Entwicklung hängt in dieser prägenden Zeit von anderen ab.
Von der ihrer Fürsorge und emotionalen Reife.
Unter anderem deshalb liegt mir eine zeitgemäße, von Zuwendung und gelebter Liebe geprägte Erziehung von Kleinkindern so am Herzen.
Allgemein gilt der Satz:
Umso früher eine Vernachlässigung oder Traumatisierung stattfand, umso schwerer ist diese später zu behandeln oder überhaupt erst einmal aufzudecken!
So auch bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
In der aktuellen Forschung geht man von einem Zusammenspiel von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren für die Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeit aus.
Neben einer gewissen genetischen Veranlagung, die jedes Kind bei seiner Geburt mitbringt, sind aber vor allem die glücklichen oder unglücklichen Umstände in der Kindheit, zum Beispiel die liebevolle Zuwendung seitens der Eltern, für die weitere Entwicklung der inneren Anlagen und insbesondere der Entstehung eines stabilen Selbstwertgefühls maßgeblich.

Zwei unterschiedliche Ursachen
Bei der Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeit mangelt es meist in frühester Kindheit (0-5 Jahren) an Zuwendung, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Liebe sowie allgemeinem Interesse und Verständnis für das Kind.
Soweit war mir das auch bekannt und ich hielt das für die Hauptursache einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Doch nach meinen Recherchen wurde ich eines besseren belehrt.
Der Narzissmusblogger Sven Grüttefien schreibt dazu:
„Es kann sich aber auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickeln, wenn das Kind mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet und mit allen Dingen des Lebens verwöhnt wird. Beide Erziehungsweisen wirken sich auf das Kind negativ aus, wobei das Ausmaß immer individuell entsteht, abhängig von der Disposition des Kindes, die es mit auf die Welt bringt und den Veranlagungen und dem Einwirkungsgrad der Eltern, insbesondere der Mutter.
Damit sich das Selbstwertgefühl und die eigene Individualität des Kindes stabil entwickeln kann, muss das Kind in seinen Bedürfnissen unterstützt werden. Sieht es sich aber gezwungen, seine Bedürfnisse zu unterdrücken und sich der Außenwelt anzupassen oder kann es seine Bedürfnisse in extremer Weise ungehemmt ausleben, weil es keine Begrenzung erfährt, dann kann dies die Ursache für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung sein.“
Es gibt also zwei Ursachen für die Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeit:
Ursache #1: Mangel an Zuwendung
Ein Mangel an Zuwendung, Beachtung und Verständnis seitens der Eltern, wodurch das Kind nicht so geliebt wird, wie es ist und sich zeigt.
Wird ein Kind nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern nur aufgrund gewünschter Verhaltensweisen, kommt es irgendwann zu der Überzeugung, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung sei.
Dass es verkehrt sei, wo wie es ist!
Für die kindliche Seele (und die Ausbildung der Individualität) gleicht dieses Gefühl einem Erdbeben. Das Kind fühlt, dass es nicht liebenswert ist, sonst würde es ja von seinen Eltern Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren.
Dass dieser Mangel an Liebe an den Eltern liegen könnte, darauf kann ein Kind in diesem Entwicklungsstadium nicht kommen. Das Kind lernt, dass es die (über) lebenswichtige Liebe und Aufmerksamkeit nur dann erhält, wenn es sich anstrengt und anpasst. Es sich so verhält, wie es erwartet wird. Meist brav und lieb zu sein.
Langsam aber sicher beginnt das Kind immer öfters sich schuldig zu fühlen für sein Verhalten. Seine kindliche Seele kann einfach nicht verstehen, warum es keine Liebe und Wertschätzung seiner selbst willen erfährt.
Seine Eltern sich im nicht zuwenden – ohne irgendwelche Erwartungen an sein Verhalten.
„Es kann nur an mir selbst liegen, weil ich etwas verkehrt mache, weil ich verkehrt bin und mich nicht genügend anstrenge, um die benötigte Aufmerksamkeit zu erhalten“, ist der dahinterliegende unbewusste Glaubenssatz, der sich immer mehr festsetzt.
Es liegt auf der Hand (und ist gleichzeitig so bedauerlich):
Ein Kind, das solchen Erfahrungen ausgesetzt ist, konnte nie lernen, s ich selbst zu lieben!
Wie auch: Wenn es selbst nie (bedingungslos) geliebt wurde. Es entsteht ein immenser (unterdrückter) Selbsthass. Dieser Hass ist für die kindliche Seele dermaßen schmerzhaft und unerträglich, dass das Kind ihn gleichzeitig nur verdrängen und projizieren (übertragen) kann.
Es würde sonst daran regelrecht zugrunde gehen. Die Wurzeln für die Ausprägung einer narzisstische Persönlichkeitsstörung sind gelegt.
Das Kind entwickelt ein negatives Selbstbild („Ich bin falsch“).
Mit entsprechenden destruktiven Gedanken- und Glaubenssätzen, dessen es sich auch später als Erwachsener (Narzisst) selten bewusst ist.
Der erwachsene Narzisst sehnt sich aber nach wie vor danach, von jemanden bedingungslos geliebt zu werden, obgleich er in der Kindheit gelernt hat, nicht liebenswert und grundsätzlich falsch zu sein.
Diese bedingungslose Liebe (oder Ur-Vertrauen) bekommt das Kind in den ersten Monaten von der Mutter. Der Säugling hat eine symbiotische Verbindung zu der Mutter.
Er möchte über die Mutter verfügen und von ihr gespiegelt werden. Der Säugling will die bedingungslose Wärme, Nähe und Liebe der Mutter spüren. Das ist sein Geburtsrecht, das in seinen Genen angelegt ist.
Der Säugling erwartet diese Bedingungslosigkeit.
Empfängt das Kind hingegen die Ängste der Mutter, deren eigenes Leid oder deren Erwartungen an ihn, so orientiert es sich an dem, was die Mutter braucht und spaltet seine eigenen Gefühle und Empfindungen ab.
Für den Moment ist dies die „Rettung“. Doch zahlt das Kind dafür einen hohen Preis.
Diese Überlebensstrategie hindert nämlich das Kind daran, es selbst zu sein. Seine eigenen Bedürfnisse können nicht ausreichend integriert werden.
Fortan braucht es für das eigene Wohlbefinden die permanente Bestätigung von außen.
Das Kind (und der spätere Erwachsene) haben sich selbst verloren.
Insofern können wir sagen, dass das süchtige Verlangen nach Aufmerksamkeit und Bewunderung im späteren Leben eines Narzissten nichts anderes als ein sehnsüchtiger Aufschrei des Säuglings ist.
Ein Ur-Schrei nach der in der Kindheit vorenthaltenen Liebe. Nach einer Liebe ohne Bedingungen und Erwartungen.

Ursache #2: Überbehütung des Kindes
Doch dann gibt es noch das andere Extrem.
Diese Ursache war mir selbst neu, oder nicht in diesem Ausmaß bekannt.
Eine narzisstische Störung kann sich danach auch durch eine Überversorgung oder Verwöhnung des Kindes ausbilden.
Im ersten Moment hörte es sich für mich nach einem Widerspruch zu dem eben Gesagten an (Mangel an Aufmerksamkeit). Doch dann leuchtete es mir ein und mir fielen Beispiele aus meinem Umfeld ein. Wird ein Kind von seinen Eltern abgöttisch geliebt, bewundert oder idealisiert, lernt es nicht, Schwierigkeiten zu ertragen, mit Frustrationen und Niederlagen umzugehen und Kränkungen zu verkraften.
Die entgegen gebrachte Bewunderung und die bevorzugte Behandlung wird es als l ebensbestimmenden Faktor annehmen, was die Eitelkeit und das Gefühl der eigenen Großartigkeit, aber auch die Kränkbarkeit bei Missachtung oder Kritik fördert.
Es sieht sich fortan als einzigartig und besonders an. Dass es jedes Recht auf eine bevorzugte Behandlung hat.
Oftmals sind solche Kinder überbehütet. Die Mutter sehr dominant, der Vater abwesend.
Gerade Jungen müssen oftmals als „Partnerersatz“ für die Mutter herhalten (erst recht wenn es in der Ehe kriselt).
Ein solch abgöttisch geliebtes Kind, das keine Begrenzungen erfahren hat, hat im späteren Leben große Schwierigkeiten, mit Problemen umzugehen. Es verhält sich hilflos und findet keine geeigneten Lösungen. Es ist gewohnt, dass andere (wie einst die Eltern) ihm die Probleme abnehmen oder vom Leib halten. Auch im Erwachsenenalter wird das einstige Kind seine Position als Hauptfigur genießen und kompromisslos ausleben. Selbst wenn die Eltern sicherlich versucht haben, in bester Absicht zu handeln, dem Kind so viel der wichtigen Liebe wie möglich mitzugeben, so führt dieser anti-autoritäre Erziehungsstil dazu, dass die Eltern von ihrem Kind nicht mehr als eigenständige Individuen mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen werden.
Aufgrund einer falschen Vorstellung von Liebe seitens der Eltern, erfährt das Kind keine emotionale Resonanz und kann sein Verhalten folglich nicht spiegeln.
Da es in seinen Eltern keine Respektspersonen sieht, an dem es sich orientieren und reiben kann, wird es auch später im Alter kaum Wertschätzung (und Mitgefühl) seinen Mitmenschen gegenüber entgegenbringen.
Egal, welche der beiden Ursachen wir für die Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeit heranziehen, beiden ist gemein, dass eine fehlgesteuerte Liebe (in die eine oder andere Richtung) in frühester Kindheit dem zu Grunde lag.
Abgesehen von einer gewissen genetischen Disposition des Kindes, haben wir gesehen, dass eine narzisstische Persönlichkeit nicht als solche auf die Welt kommt.
Sondern aufgrund seiner frühesten Sozialisation durch sein Umfeld dazu gemacht wird.
Das soll keine Entschuldigung (oder „Ausrede“) für einen ausgewachsenen Narzissten sein.
Aber zumindest eine Erklärung für die Ursachen eines späteren Narzissmus.
Gibt es einen gesunden Narzissmus (Egoismus)?
Um es gleich vorweg zu sagen: Aus meiner Sicht Ja!
Aber hier müssen wir äußerst genau hinschauen, um nicht in eine weitere Narzissmus-Falle zu tappen und die Begriffe genau differenzieren.
Soeben haben wir die Ursachen eines pathologischen Narzissmus kennengelernt. Für mich drängt sich gerade die Frage auf, ob es in unserer Entwicklung als Erwachsene so etwas wie einen „gesunden“ oder normalen Narzissmus gibt?
Falls ja, was diesen von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung unterscheidet? Die beiden Begriffe, die bei einer richtigen Unterscheidung von krankhaften und normalen narzisstischen Zügen von tragender Bedeutung sind, sind Selbstliebe und Selbstverwirklichung.
Der Paartherapeut Benecke schreibt dazu: “Ist Narzissmus mit übersteigerter Selbstliebe gleichzusetzen? Nein, da Narzissmus sich gerade durch die Abwesenheit eines gesunden Maßes an Selbstliebe auszeichnet. Man könnte ihn auch als eine Kompensationsform für mangelnde Selbstliebe bezeichnen. Vielleicht wird man dem Phänomen Narzissmus am ehesten gerecht, wenn man ihn mit „Selbst-Verliebtheit“ übersetzt. Denn genau so wenig wie Verliebtheit mit Liebe zu tun hat, hat Selbst-Verliebtheit mit Selbstliebe zu tun.“
Selbstliebe definiert sich als das uneingeschränkte Annehmen seiner selbst in Form einer bedingungslosen Liebe und ist eine wichtige Voraussetzung für die Beziehungen zu anderen Menschen und zur Welt. Genau diese uneingeschränkte Liebe hat ein krankhafter Narzisst aber nie erfahren.
Daher lässt sich Selbstliebe auch klar vom Egoismus oder Narzissmus abgrenzen. Denn während ein Egoist nur an sich selbst denkt und dabei über Leichen geht, ist ein sich selbst liebender Mensch stets darum bemüht, sein Ich, seine Wünsche und Bedürfnisse mit seinem Umfeld in Einklang zu bringen.
Einer narzisstischen Persönlichkeit geht der Eigennutz vor Gemeinwohl und wenn er liebt, dann nur, um selber geliebt zu werden. Von daher ist es erstmal nicht zutreffend, von einem übertriebenen Narzissmus zu sprechen, sondern eher von einer guten Portion gesundem Egoismus, wenn man an sich und seine Bedürfnisse denkt.
Entscheidend ist, diese mit seinem Umfeld in Abstimmung zu bringen, also nicht rücksichtslos über die Bedürfnisse von anderen zu trampeln.
Mit einem Satz:
Wenn man für sich sorgt und seine Bedürfnisse an sein nahes Umfeld kommuniziert.
Was gerade eher schüchternen und selbstlos wirkenden Menschen immens schwer fällt.
Es kommt auf das rechte Maß an.
Menschen mit einem rechten Maß an gesundem Egoismus oder einem stabilen Selbstwertgefühl zeichnet aus, dass sie Rückschläge, Niederlagen und auch Kritik erfahren können, ohne dass sie dabei sofort sich als Person oder ihren Wert komplett in Frage stellen.
-
Sie haben eine harmonische Ausstrahlung.
-
Sie ruhen in sich selbst und wirken ausgeglichen.
-
Sie strahlen Verbindlichkeit und Wärme aus.
-
Sind gefestigt und stehen zu ihren Überzeugungen.
-
Auf der einen Seite können sie geben, aber auch gleichermaßen nehmen.
-
Sie sind tolerant und verständnisvoll anderen gegenüber.
-
Sie bleiben standfest und haben ein gesundes, selbstbewusstes Auftreten ohne jegliche Form der Überheblichkeit.
-
Sie sind stolz auf die eigenen Leistungen und freuen sich über das Erreichte.
Das Streben nach Selbstverwirklichung und Anerkennung ist ein zutiefst menschliches (Grund) Bedürfnis, welches in jedem von uns angelegt ist.
Es ist also völlig unzureichend und nicht gerechtfertigt, einen Menschen als „Narzissten“ zu bezeichnen, der dieses Bedürfnis nach außen hin lebt.
Oftmals wird diese Verhaltensweise aber zu schnell mit einseitigem Egoismus oder Arroganz gleichgesetzt. Hier muss man aber, will man den Unterschied zwischen einem gesunden und krankhaften Narzissmus richtig verstehen, sehr sorgfältig differenzieren. Ohne die konstruktive Seite von Egoismus kann menschliches Zusammenleben nicht funktionieren. Gesunder Egoismus ist der Motor jeder Entwicklung, Leistungsfähigkeit, Widerstandskraft, Kreativität und jeden Fortschritts.
Leider ist es so, dass der Unterschied zwischen einem gesunden und krankhaften Maß an Narzissmus (Egoismus) auf den ersten Blick schwer zu erkennen ist. Narzisstische Persönlichkeiten können nämlich nach außen hin sehr selbstbewusst wirken.
Ja, man erhält den Eindruck, dieser Mensch ist mit sich im Reinen, er liebt sich, wie er ist.
Ein echter Narzisst hat Erfolg, kann sich abgrenzen und steht zu seinen Überzeugungen, er setzt sich durch.
Doch der Schein trügt.
Der große Unterschied zwischen narzisstischen und echten Selbstbewusstsein ist:
Narzissten fühlen sich anderen überlegen. Sind aber mit sich selbst im Inneren nicht zufrieden.
Selbstbewusste Menschen fühlen sich anderen nicht überlegen. Sind dafür mit sich selbst zufrieden.
Alle Mittel und Verhaltensweisen, die eine narzisstische Persönlichkeit nach außen hin einsetzt, dienen lediglich der Kompensation des erlittenen Liebesverlustes.
Der Kaschierung des dahinterliegenden, tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühls.
Merkmale und Verhaltensweisen einer narzisstischen Persönlichkeit
Immer wieder wird unsere heutige Gesellschaft als eine narzisstische bezeichnet, in der die Leistungs- und Wachstumsideale in Wirtschaft und Politik narzisstische Tendenzen in allen Lebensbereichen geradezu fördert. Erfolg, Leistung und eigennütziges Handeln sind die Parolen unserer Zeit. Im weiteren Verlauf des Artikels werde ich auf diese Auswirkungen noch eingehen.
Doch zunächst halte ich es für sehr wichtig, den mittlerweile landläufigen Begriff „Narzisst“ von einer ausgeprägten narzisstischen Störung im Sinne des DSM (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen) zu unterscheiden. Dieses Klassifikationssystem wird von jedem Psychotherapeuten zur Bestimmung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung herangezogen.
Allzu oft passiert es nämlich, dass wir in unserem Umfeld Menschen mit vermeintlich narzisstischen Zügen entdecken, und ihnen sofort den Stempel „Narzisst“ aufdrücken (ja, auch ich habe das schon gemacht). Wie wir aber gesehen haben, gilt es hier genau hinzuschauen, da es nämlich durchaus Formen eines gesunden Egoismus gibt (von dem meist besonders sensible und zurückhaltende Menschen zu wenig haben).
Um im Sinne des DSM von einer narzisstischen Persönlichkeit zu sprechen, müssen mindestens 5 der folgenden Kriterien erfüllt sein:
-
Die Betroffenen haben ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit. Sie übertreiben zum Beispiel ihre Leistungen und Talente oder erwarten ohne entsprechende Leistungen, von anderen als überlegen anerkannt zu werden.
-
Sie sind stark von Phantasien über grenzenlosen Erfolg, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe eingenommen.
-
Sie glauben von sich, besonders und einzigartig zu sein. Deshalb sind sie überzeugt, nur von anderen „besonderen“ oder hochgestellten Menschen verstanden zu werden oder nur mit diesen Kontakt pflegen zu müssen.
-
Sie benötigen exzessive Bewunderung.
-
Sie legen ein hohes Anspruchsdenken an den Tag. Das bedeutet, dass sie die übertriebene Erwartung haben, dass automatisch auf ihre Erwartungen eingegangen wird oder dass sie besonders günstig behandelt werden.
-
Sie zeigen arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten. Sie verhalten sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, das heißt, sie nutzen andere aus, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.
-
Sie zeigen einen Mangel an Einfühlungsvermögen. Das heißt, sie sind nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen, zu akzeptieren oder sich in sie hineinzuversetzen
-
Sie sind häufig neidisch auf andere oder glauben, andere seien neidisch auf sie.
![]()
Weitere, wesentliche Charakterausprägungen einer narzisstischen Persönlichkeit sind:
-
eine übertriebene Selbstbezogenheit
-
ein unersättliches Bedürfnis nach Anerkennung und Bewunderung
-
ein – zumindest zeitweise – ins Grandiose tendierendes Selbstbild
-
starke Schwankungen zwischen Idealisierung und Entwertung
-
Kontrollbedürfnisse und Machtstreben
-
ein empfindlich gestörtes Selbstwertgefühl als Wunde, zu deren Behandlung die o.g. Bestrebungen und Bedürfnisse dienen
Das wirklich perfide an der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist, dass sie lange Zeit für das (nähere) Umfeld nicht zu erkennen ist.
Ein ausgeprägter (krankhafter) Narzisst ist ein wahrer Meister des Schauspiels!
Der aufgesetzten Masken. Der vorgetäuschten Gefühle und vor allem von diversen Macht- und Manipulationsinstrumenten.
Dabei kann er blitzschnell seine Taktik ändern und variieren.
Wie ein Chamäleon kann er sein situatives Verhalten ändern, sich den Begebenheiten anpassen.
Er benutzt andere Menschen für seine Zwecke. Er sieht sie eher als Objekte als eigenständige Subjekte, mit eigenen Gefühlen, Anschauungen und Werten.
All dies setzt ein Narzisst ein, um sich seines (nicht vorhandenen) “Schein”-Wertes sicher zu sein. Keine Kritik oder Ablehnung zu erfahren, da dies ihn in seinen Grundfesten erschüttern würde.
Ein weiteres, oft angewendetes Mittel, ist die permanente Abwertung von anderen.
Ein Narzisst kann es nicht ertragen, wenn andere mehr Erfolg, Ansehen oder Anerkennung erhalten.
Instrumente und Taktiken einer narzisstischen Persönlichkeit
Hier eine kleine Auswahl an Instrumenten und Taktiken, mit denen ein Narzisst sein Umfeld beeinflussen und manipulieren möchte:
#1: Sanftes Verhalten: Ausspielen des Charmes, Überzeugen durch sachliche Argumente, gute und wenn nötig auch verführerische Manieren einsetzen, rhetorisches Geschick, faires, aber hartnäckiges Diskutieren und Verhandeln, leichtes manipulieren, versteckte Kritik, Verwendung überzeugend klingender Unwahrheiten oder Gerüchte, Verteilung von Lob und Komplimente.
#2: Leidendes Verhalten: Bitten und notfalls auch Betteln, Verständnis und Loyalität einfordern, ans Gewissen appellieren, Mitleid erzeugen, Krankheiten und Schicksalsschläge vorspielen oder übertrieben darstellen, schluchzen und weinen, heulen, beleidigt sein.
#3: Lautes Verhalten: Fluchen, Wutausbrüche, Tobsuchtsanfall, schreien, brüllen, ungeduldig, gereizt, aggressiv, panisch, hitzig, kreischend.
#4: Aggressives Verhalten: Kritisieren, Drohen, Beleidigen, Einschüchtern, Beschuldigen, Vorwürfe machen, die Glaubwürdigkeit des anderen in Frage stellen, vor anderen schlecht machen, stures Schweigen, keine Beachtung dem anderen schenken, Geringschätzung, Ausgrenzung, Verachtung, Zynismus, Lügen, Spott, Ironie, Intrige, Abweisung von Schuld, Herabsetzungen, Entwerten, Unterjochung, anprangern, leugnen, verbales Verdrehen, emotionales Erpressen, Bluffen.
#5: Manipulatives Verhalten: Tatsachen vortäuschen, mit falschen Fakten argumentieren, Zeitdruck aufbauen, nicht verstehen wollen, blockieren und ausweichen, Informationen filtern, schlechtes Gewissen einreden, Erklärungen verweigern, überzeugend falsche Behauptungen aufstellen.
All diese Techniken setzt ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zur Destabilisierung und Manipulation des Anderen ein.
Das verleiht ihm Macht und Kontrolle und somit Sicherheit vor Ablehnung. Dabei geht es sehr behutsam und wohl dosiert vor.
Er hat sich unter Kontrolle und hält lange Zeit den Anstand und die Fassade.
Nur wenn er sich emotional angegriffen fühlt, oder seine „sanften“ Instrumente nicht mehr wirken, kommt die kalte und bösartige Seite eines Narzissten zum Vorschein.
Dann geht er über Leichen und kennt kein Pardon und Erbarmen mehr. Die Scham und Angst vor zu offensichtlicher Böswilligkeit ist völlig außer Kraft gesetzt.
Dieser zügellose, bösartiger Narzissmus ist dann der Nährboden für Kriege, Gewalt und rücksichtslose Ausbeutung.

Behandlung und Heilung eines Narzissten
Die Behandlung und Heilung eines Narzissten ist äußerst schwierig. Ein ausgeprägter Narzisst versperrt sich in der Regel gegen jegliche Art von Hilfe und Beistand, weil er sich in seinen Augen ja für grandios und einzigartig hält.
Was soll denn bitteschön an ihm verkehrt sein?
Er ist so mit seinem falschen Selbst, all seinen Masken und Fassaden identifiziert, dass er überhaupt keinen Grund sieht, sich in einen Therapeutenstuhl zu setzen. Er hat sich von seinem wahren Selbst, welches mit unendlichem Schmerz verbunden ist, komplett abgeschnitten. Damit aber auch von seiner Verletzlichkeit und Bedürftigkeit (die unter der Fassade nur so brodelt).
Wahrscheinlich wird es sogar so sein, dass gut gemeinte Ratschläge aus seinem Umfeld, die eindeutige Merkmale eines ausgeprägten Narzissmus erkannt haben, sofort mit Widerstand und Kritik abgelehnt werden.
Ein Narzisst empfindet sein Verhalten in keinster Weise als problematisch oder gar behandlungsbedürftig. Höchst wahrscheinlich wird er sogar im Zuge der Projektion (Abwehrmechanismus) seinem Gegenüber ein krankhaftes und problematisches Verhalten vorhalten (vielleicht sogar eine narzisstische Störung). Und ihm dringend eine Therapie anraten!
Nein, es bedarf erst einer tiefen narzisstischen Krise, eines Schicksalsschlag (Kündigung, Scheidung, Schulden, herbe Niederlagen etc.), damit sich ein Mensch mit krankhaften narzisstischen Zügen in eine Therapie begibt. Der Leidensdruck muss hoch genug sein.
Doch selbst dann ist eine adäquate Behandlung der eigentlichen Persönlichkeitsstörung schwierig. Eine narzisstische Persönlichkeit erwartet nämlich von dem Therapeuten eine bevorzugte Behandlung! Eigentlich kommt er nicht, um geheilt zu werden. Sondern um mit den Lebensschwierigkeiten besser umgehen zu können.
Er hat ja im Grunde gar kein Problem mit seinem Narzissmus. Er fühlt sich wohl in dieser Rolle und nimmt die Therapie lediglich an, um ein noch besserer Narzisst zu werden.
Deshalb bedarf es für eine halbwegs erfolgreiche Therapie einen ausgesprochen erfahrenen Therapeuten. In der Therapie wird der Narzisst nämlich den Therapeuten entweder übertrieben überhöhen (idealisieren) oder gnadenlos abwerten (je nachdem, wie gut der Therapeut das Manipulationsspiel des Narzissten mitspielt). Er gibt vor, alles besser zu wissen und glaubt, mindestens über dieselben Fähigkeiten und demselben Wissensstand wie der Therapeut zu verfügen. Für einen Therapeuten ist es daher anfänglich sehr ratsam, einem Narzissten nicht als überlegenem Fachmann zu begegnen. Sondern als gleichberechtigter Mensch mit Fehlern und Schwächen. Er muss ihm auf der Beziehungsebene begegnen.
Aufgrund dieses Verhaltens in einer Therapie und der frühen Traumatisierung ist eine endgültige Heilung eines Narzissten kaum möglich.
Es ist schon ein Erfolg, wenn sich das empathische Gefühl gegenüber den Mitmenschen verbessert und der Narzisst sich den Auswirkungen seines Verhaltens bewusster wird.
Des Weiteren kann ein Narzisst in einer Therapie lernen, seine eigenen Ansprüche zu reduzieren, sich zurückzunehmen, eine gewisse Anpassung an die Umgebung zu üben und die Probleme nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selber zu suchen.
Die narzisstische Persönlichkeit: Ein Fazit
Wir sind am Ende angelangt.
Es war eine lange Reise. Und ich danke dir schon jetzt für deine Aufmerksamkeit.
Mir war ein umfassendes Grundlagenverständnis zum Thema narzisstische Persönlichkeit sehr wichtig.
Zum Ende wiederhole ich es noch einmal, um dich (und mich!) zu beruhigen: Jeder von uns trägt bis zu einem gewissen Grad narzisstische Züge in sich.
Diese werden auch benötigt, um unseren Selbstwert zu regulieren. Ab wann es krankhaft (behandlungsbedürftig) wird, ist dir hoffentlich durch diesen Artikel verständlicher geworden.
Nach der Recherche und dem Schreiben, habe ich einen ganz neuen Blick auf das Thema Narzissmus bekommen. Zum einen, was meine eigenen narzisstischen Tendenzen angeht in gewissen Situationen. Zum anderen empfinde ich so etwas wie Verständnis für einen Menschen, der an dieser Störung leidet.
Im Grunde ist solch ein Mensch nur zu bedauern. Ja ein Stück weit empfinde ich sogar Mitgefühl für ihn.
Weil Narzissmus in gewisser Weise ein Ur-Schrei nach nicht erhaltener Liebe ist. Wie wir gesehen haben, hat ein Narzisst früheste traumatische Erfahrungen erlebt, mit denen er damals als Kind nicht umgehen konnte.
Das soll keine Entschuldigung sein, dass er als heutiger Erwachsener sein Umfeld kontrolliert, manipuliert und mitunter auch terrorisiert. Wenn du am Ende des Artikels nun ähnlich denkst, er zumindest ein wenig zum Verständnis der Ursachen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung beigetragen hat, hat er seine Aufgabe erfüllt.
Gleichzeitig habe ich natürlich vollstes Mitgefühl für die Betroffenen der Machenschaften eines ausgeprägten Narzissten, die unter seiner Art viel Leid ertragen mussten oder müssen!
Du kannst die Beziehung mit einem Narzissten auch als Chance sehen.
Als Chance zur Selbsterkenntnis über deine eigenen blinden Flecken.
Eine Leserin schrieb mir einmal: „Diese Beziehung hat mir alles gegeben, was ich brauchte, um endlich wach zu werden. Nämlich meine eigene Kraft wirklich in mir zu entwickeln und zu leben.“
Deine eigene Kraft wieder zu entdecken und anfangen zu leben, dabei möchte ich dich unterstützen. Mit diesem Artikel, aber auch darüber hinaus.
Die Dinge, die du hier gelesen hast, sind für ein grundsätzliches Verständnis einer narzisstischen Persönlichkeit genau das richtige.
Aber natürlich gibt es noch weitaus mehr zum Thema Umgang mit einem Narzissten. Allen voran in Beziehungen.
Mini-Selbstklärung in Beziehungen zum kostenfreien Mitnehmen Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du dich in Beziehungen manchmal anpasst oder verlierst, dann habe ich was für dich: Ein kurzes Booklet, das dir hilft klarer zu sehen – wie sehr du dich in der Beziehung mit einem Narzissten aufgibst.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde erstmals im November 2016 veröffentlicht und zuletzt im Mai 2022 aktualisiert und ergänzt.